Jean-Pierre Bonny: Meine Lebensbilanz

von

Ein liberaler Fels in der Brandung

(Erschienen in der Basler Zeitung vom 19. März 2018)

Lange galt der Berner Jean-Pierre Bonny als freisinniges Auslaufmodell. Nun, da sich die Partei wieder auf ihre ursprünglichen Werte besinnt, erfährt der eigensinnige 86-jährige Politiker, der bescheiden in einem Altersheim bei Bern lebt, späte Anerkennung als liberaler Fels in der Brandung. Standhaftigkeit, dafür ist er nicht das einzige Beispiel, ist auf die Dauer immer noch die härteste Währung im politischen Betrieb.

In den Glanzzeiten seiner Karriere gehörte Bonny als populärer Direktor des damaligen Bundesamts für Industrie, Gewerbe und Arbeit (Biga) ebenso wie später als Nationalrat am rechten Flügel seiner freisinnigen Fraktion zu den prominentesten Köpfen in Bundesbern. Seit gut zehn Jahren ist es ruhig geworden um ihn. Nur einmal jährlich, wenn der mit 100 000 Franken dotierte Bonny-Preis für die Freiheit verliehen wird, taucht sein Name in den Medien auf. An den Preisverleihungen sitzt er als betagter Stifter zwar immer in der ersten Reihe, aber auf der Bühne stehen Ausgezeichnete und Laudatoren. Bonny selbst schweigt und geniesst.

Daran hätte sich wohl auch nichts mehr geändert, obwohl Bonny nach wie vor ein glänzender Rhetoriker und begnadeter Erzähler ist, der sich auch im hohen Alter noch präzise erinnert. Ernüchtert über einen Zeitgeist, in dem Begriffe wie Freiheit und Verantwortung aus der Mode gekommen sind, und angeschlagen vom Tod seiner Frau und den Strapazen seiner Zuckerkrankheit, hat er sich in seinen engeren Freundes- und Bekanntenkreis zurückgezogen.

Bild: Jean-Pierre Bonny und seine langjährige Sekretärin Heidi Job bei ihrem wöchentlichen Bürotag in Bümpliz am 6. April 2017.

 

Deshalb reagierte er alles anderes als erfreut, als ihn die Stiftungsräte seiner Bonny-Stiftung für die Freiheit an Weihnachten 2016 mit einem ungewöhnlichen Geschenk überraschten. Der Stiftungsrat habe den Wunsch, seine Erinnerungen für das Archiv und die Nachwelt zu sichern, teilten sie ihm mit. Aus diesem Grund hätten sie einen Journalisten beauftragt, seine bewegte Lebensgeschichte aufzuzeichnen. Bonny, immerhin Präsident des Gremiums, reagierte unwirsch. Aber ihm gegenüber sassen keine Leichtgewichte: als treibende Kraft der bekannte Berner Wirtschaftsanwalt Beat Brechbühl, der Pharmaunternehmer und NZZ -Präsident Etienne Jornod und der ehemalige Nationalrat und Chef von Economiesuisse, Gerold Bührer. «Mit vereinten Kräften», berichtete Brechbühl später, hätten sie Bonny dazu gebracht, wenigstens einem Versuch zuzustimmen.

Der Journalist, dem die heikle Konstellation in einem Vorgespräch dargelegt worden war, war ich. Als ich Bonny Ende Januar 2017 zum ersten Mal in seinem kargen Zimmer im Altersheim gegenübersass, erklärte er in ziemlich unterkühltem Ton, dass dieses Treffen nicht seine Idee gewesen sei. Er lasse sich versuchshalber und contre cœur darauf ein. Aber er breche die Sache sofort ab, wenn sie ihm nicht gefalle. Mit derselben Schnörkellosigkeit benannte er anschliessend die Themen, über die geredet werden könne.

Dann erzählte er, und ich notierte. Wir trafen uns wöchentlich. Es war immer dasselbe Ritual. Ich brachte ihm das Protokoll der letzten Sitzung. Er gab mir das Protokoll der vorletzten Sitzung mit seinen Anmerkungen zurück. Dann redeten wir über das nächste Thema. Es war eine effiziente Zusammenarbeit. Gelegentlich mussten wir verhandeln, aber wir fanden immer eine Lösung, mit der wir beide leben konnten.

Von Abbruch war jetzt keine Rede mehr. Er war im Gegenteil immer exzellent auf das Thema vorbereitet. Auch wenn er darüber kein Wort verlor, so war ich doch ziemlich sicher, dass er sich auf unsere Sitzungen freute.

Im März erwähnte er beiläufig, er plane ein Fest zum Geburtstag. Er überlege, mich auch einzuladen. Vorausgesetzt natürlich, dass es von der Tischordnung her aufgehe. Ab diesem Moment wusste ich: Es kommt gut.

Bonnys Erinnerungen erwiesen sich als Schatz kurz und präzise geschilderter Geschichten und Anekdoten zur Bundespolitik. Sie reichen zurück bis in die späten 1950er-Jahre, in denen Bonny als «juristischer Beamter zweiter Klasse» in der Eidgenössischen Finanzverwaltung erste Berufserfahrung sammelte.

Im höchsten Machtzirkel

Was erst 65 Jahre zurückliegt, tönt heute bereits wie eine Schilderung aus grauer Vorzeit: «Alle 14 Tage wurde am Samstagmorgen gearbeitet. Einmal musste ich auch nachts durcharbeiten, weil Bundesrat Streuli, der damalige Finanzminister, einen Mitbericht am Samstagmorgen haben wollte. Streuli trug am Samstag immer lange schwarze Ärmelschoner, um die Abnützung seiner Anzüge zu verhindern. Sein Nachfolger, Bundesrat Jean Bourgknecht, ein Freiburger Aristokrat, wurde dann berühmt dafür, dass er unter der Woche morgens in der Loge des Bernerhofs mit der Stoppuhr kontrollierte, ob seine Leute pünktlich zur Arbeit kamen.»

Geprägt haben den ehrgeizigen Sohn eines Berner Postbeamten und einer Bieler Aktivistin der Abstinentenbewegung aber die folgenden Jahre bei der damaligen Swissair und danach vor allem die Zusammenarbeit mit dem legendären Direktor Otto Fischer beim Schweizerischen Gewerbeverband. Als Bonny 1982 «dem Lockruf der Verwaltung erlag», wie es Fischer nannte, behandelte ihn dieser wie einen Verräter. Für Bundesrat Ernst Brugger, der Fischers abtrünnigen Kronprinzen für das Biga abgeworben hatte, dürfte der Transfer hingegen ein Glücksfall gewesen sein. Zwei Jahre später wurde der erst 43-jährige Jean-Pierre Bonny Biga-Direktor und damit Chef einer der bedeutendsten Verwaltungsabteilungen beim Bund. «Kurfürsten» wurden die drei Direktoren des Biga und der Bundesämter für Aussenwirtschaft und Landwirtschaft damals verwaltungsintern genannt. Bonny war als Kind aus einfachen Verhältnissen innert kürzester Zeit in den höchsten Machtzirkel der Schweiz aufgestiegen.

Bonnys erste grosse Herausforderung im neuen Amt war die Wirtschaftskrise der 1970er-Jahre. Er war federführend bei der Einführung einer obligatorischen Arbeitslosenversicherung – ein Kraftakt, den die Bundesverwaltung damals innert eines halben Jahres vollbrachte. Später begründete er zur Bekämpfung der Uhrenkrise die Regionalpolitik des Bundes. Dabei waren die Startbedingungen eher schwierig: «Als Brugger mir nach der nächsten Sitzung mitteilte, der Bundesrat habe 40 Millionen gesprochen, konnte ich nur staunen. Das war weniger als ein Tropfen auf den heissen Stein. Aber Brugger machte mir unmissverständlich klar, dass es nicht mehr Geld gebe: ‹Jetzt musst du zeigen, was du kannst›, sagte er bloss.» Bonny implementierte darauf eine Art Schneeballsystem, indem der Bund die Subventionen lediglich sprach, wenn private Geldgeber ein Vielfaches investierten und die Banken Vorzugskonditionen gewährten. Das Modell funktionierte und ist bis heute als sogenannter «Bonny-Beschluss» bekannt.

Innert zehn Jahren war Bonny landesweit so populär, dass er von der Berner FDP – ungewöhnlich für einen Bundesbeamten – als Kandidat für den Bundesrat nominiert wurde.

Läckerli von Helmut Hubacher

Zu seinen lebhaftesten Schilderungen gehören die Erlebnisse während der Kandidatenkür seiner Fraktion im Bundeshaus: «In den Hearings vor der Fraktion mussten wir uns vorstellen und Fragen beantworten. Die Fraktion beschloss, dass alle Kandidaten in den Ausstand treten mussten. Dann wurden wir in den oberen Stock in die Räume des Fraktionssekretariats geschickt, um die Nomination abzuwarten. Da sassen wir zu siebt in diesem Zimmer. Es war eine spezielle Situation, ich mit dieser versammelten Parteiprominenz in einem Raum. Ich stellte mich – darüber muss ich heute noch lachen – als Telefonordonnanz zur Verfügung, weil ich überzeugt war, der erste Anruf aus dem Fraktionszimmer betreffe meine Nichtnomination. So hätte ich still verschwinden können. Ich dachte zu diesem Zeitpunkt, ich hätte nicht kandidieren sollen, es sei falsch gewesen, mich überhaupt gemeldet zu haben. Es sei eine aussichtslose Sache. Die Fraktion machte zuerst eine Abstimmung zur Klärung der Lage. Danach nahm sie bei jedem Wahlgang den Schlechtesten heraus. Aber das erste Telefon betraf Peter Hefti, ausgeschieden mit einer Stimme, dann traf es Paul Wyss, Bruno Hunziker, Ulrich Bremi, Luigi Generali und schliesslich, ich war immer noch Telefonordonnanz, sass ich mit Rudolf Friedrich allein im Zimmer.»

In diesem letzten Wahlgang siegte schliesslich Rudolf Friedrich. Bonny, schwer enttäuscht, verfolgte die Wahl durch die Bundesversammlung wenige Tage später nur noch am Fernsehen – auf dem Stuhl seines Zahnarzts im Berner Kirchenfeld.

Politiker wurde Bonny trotzdem. Er machte sich selbstständig als Wirtschaftsanwalt und kandidierte erfolgreich für den Nationalrat. Seine wichtigste politische Auseinandersetzung focht er 1992 als freisinniger Gegner des EWR-Vertrags aus.

Seit diesem Abstimmungskampf verbindet ihn eine Anekdote mit dem Basler Helmut Hubacher: «Einmal nahm ich an einem Podiumsgespräch der SP Oberaargau teil, wo ich gegen Helmut Hubacher antreten sollte. Als Hubacher zur vereinbarten Zeit nicht dort war, wurden die Veranstalter nervös und telefonierten. Er war gerade mit dem Hund auf einem Spaziergang – zu Hause. Als klar war, dass er nicht kommen würde, habe ich beide Rollen übernommen. Zuerst habe ich 20 Minuten für den EWR gesprochen, anschliessend 20 Minuten dagegen. Hubacher hat mir zum Dank ein Kilo Basler Läckerli geschickt.»

Bonnys Erzählungen sind «Spoken History», eine lebendige, manchmal anekdotenhafte, manchmal hintergründige Schilderung von 50 bewegten Jahren schweizerischer Politik und Wirtschaftsgeschichte. Wäre er nicht selbst auf die Idee gekommen, hätte man ihn dazu überreden müssen, die Protokolle in einem Buch zu publizieren, statt sie im Archiv zu versenken.

Aber der anfänglich so widerspenstige Doyen hatte seinen Plan wohl schon im März gefasst, als er beschloss, seinen 86. Geburtstag in einem Berner Landgasthof zu feiern. Vor einer bunt zusammengewürfelten Gästeschar mit Politprominenz, Bauernfamilien, Altersheimbewohnern, Nachbarn und Pflegerinnen erklärte Bonny an der Feier im Mai 2017, es werde ein Buch über ihn geben. Nun waren es ein halbes Jahr nach ihrem Überraschungsgeschenk «seine» Stiftungsräte, die überrumpelt waren.

Jetzt ist das Buch erschienen. «Jean-Pierre Bonny – Eine Lebensbilanz» heisst es. Bonny hielt Wort und lud seine Geburtstagsgäste Anfang März wiederum in die «Traube» in Herrenschwanden ein, um ihnen persönlich ein Exemplar seiner Lebensgeschichte zu überreichen. Zudem versandte er 600 Exemplare an ausgewählte Empfänger. Aus den über hundert Dankesschreiben, die seither eingegangen sind, spricht Wertschätzung für einen liberalen Geist, der sich allen Widrigkeiten zum Trotz treu geblieben ist. Für den früher oft als «Stahlhelm» angefeindeten Bonny dürfte es eine späte Genugtuung sein.

Die Geschenkidee der Bonny-Stiftung hat eine gesellschaftliche Komponente, die über das Einzelbeispiel hinausweist. Allzu viel interessantes Wissen alter Menschen gelangt heute nicht mehr zur nächsten Generation, weil oft die Zeit fehlt, sich die Geschichten erzählen zu lassen, geschweige denn, sie für nachfolgende Generationen aufzuschreiben. Dabei ist der Gewinn für beide Seiten gross. Vor dem Zuhörer leben Bilder auf, weil er die Orte des Geschehens kennt, weil er das eine oder andere aus ganz anderer Optik miterlebt hat oder weil ihm gerade widerfährt, was sein Gegenüber längst überwunden hat. Auch die Erzähler blühen auf, wenn ihnen Interesse und Zeit gewidmet wird. Zudem ist es aufbauend, den eigenen Weg zu rekapitulieren: «Beim Durchlesen des Manuskripts habe ich festgestellt, dass ich ein interessantes und vielgestaltiges Leben hatte», schreibt Jean-Pierre Bonny in seinem Epilog. So gesehen, war dieses Projekt auch ein nachahmenswertes Beispiel für generationenübergreifenden Dialoge – es muss ja nicht immer gleich ein Buch daraus entstehen.

 

Das Buch

«Jean-Pierre Bonny – Eine Lebensbilanz»; Knapp-Verlag, Olten, 2018; Herausgeberin: Bonny Stiftung für die Freiheit; Gestaltung Monika Stampfli, Typografik, Solothurn, Druck Herzog AG, Langendorf; ISBN 978-3-906311-42-5

 

 

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